Weihnacht
von Ernst von Wildenbruch (1845-1908)
Es tönt herüber, weither, weither
aus der endlosen Zeit eine Wundermär.
Wie ein Wipfelwehen, wie ein Lispeln süß
aus dem alten Garten, dem Paradies.
Und ein
Stern ging auf, wie kein Stern je war,
da wurde die Nacht wie der Tag so klar.
Und eine Stimme kam aus des Himmels Höhen,
selig die Augen, die solches sehn,
selig
das Ohr, dem die Stimme erklingt,
selig alles, was Odem trinkt.
Denn das Wunder der Wunder geschah,
Gott wurde Mensch, Gott ist Euch nah.
Der sein
Kleid sich webt aus dem Sonnengold,
der den Sternenmantel der Nacht umrollt,
er stieg hernieder aus Macht und Gewalt,
zog an des Menschen Leib und Gestalt,
um selber zu fühlen in Leib und Geist,
was das Menschenleben auf Erden heißt.
Da wurde
süß das bittere Blut,
alles, was böse, das wurde gut.
kein Hochmut war auf der Welt,
nicht mehr herrschte das schlimme Geld.
Das Herz
des Menschen ging liebenden Schlag,
der Mensch war glücklich für einen Tag.
Vom Übel erlöst und vom Leid befreit,
das war Weihnacht, die selige Zeit!
Weihnacht,
du strahlender Lichterbaum,
Weihnacht, du sehnender Gottestraum!
Verklungen
die Mär, der Strom ist verblaßt,
wiedergekommen sind Leid und Last,
Gut ward böse, Liebe entwich,
Haß und Leid in die Herzen schlich.
Sehnsucht
steht an der Tür und weint,
blickt und blickt, ob kein Stern erscheint,
horcht und horcht, ob kein Laut sich regt,
die Himmelsbotschaft herniederträgt.
Störet
die heilige Sehnsucht nicht,
Gott versteht, was sie lautlos verspricht.
Einmal,
vielleicht einmal noch im Weltenraum
läßt er uns strahlen den Lichterbaum,
sendet uns vom Himmel her,
einmal, noch einmal die Wundermähr:
Friede
auf Erden, Ende dem Haß,
Freude den Menschen ohn Unterlaß,
von euch genommen sind Bosheit und Neid,
zu euch gekommen Glück ohne Leid.
Weihnacht, Weihnacht, du selige Zeit.
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