Leseprobe

Mauer-Passagen
Grenzgänge, Fluchten und Reisen
1961-1989

46 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen
368 Seiten, viele Abbildungen, Mauer-Chronologie, Ortsregister
Reihe Zeitgut Band 19
ungekürzte Taschenbuchausgabe
ISBN 978-3-86614-171-1
9,90 EUR

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[Berlin; 9./10. November 1989]

„Nun ist er endgültig kaputt!“
Erika Tappe

Das Jahr 1989 bescherte der DDR eine Massenflucht von mehr als 229000 ihrer Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Unter dem Druck der anhaltenden Proteste der mit ihrer Regierung unzufriedenen Menschen und der massiven Ausreisewelle wurde Erich Honecker, Generalsekretär der SED, schließlich im Oktober entmachtet. Die in ihrer Reisefreiheit so eingeschränkten Ostdeutschen aber protestierten weiter und zwangen das Politbüro der SED zum Handeln. Am Abend des 9. November 1989 gab Politbüro-Mitglied Günter Schabowski versehentlich zu früh das erst im Entwurf vorliegende neue Reiserecht der DDR, welches den Bürgern mehr unbürokratische Reisefreiheit auch in den Westen zusicherte, über das Fernsehen bekannt. Sofort setzte ein ungeheurer Ansturm von Ost-Berlinern auf die Grenzübergänge ein. Den noch gar nicht instruierten Grenzorganen, der Staatssicherheit und dem Militär gelang es nicht mehr, die Menschenmassen in geordnete Bahnen zu lenken beziehungsweise überhaupt Papiere auszustellen. Sie wurden einfach überrollt. Am Brandenburger Tor, an und auf der Mauer begann ein gigantisches Wiedervereinigungsfest der Ost- und West-Berliner, das in den friedlichen Fall der Mauer mündete.

Am Abend des 10. November beschlossen mein Mann und ich, vom Lehrter Bahnhof aus zum Brandenburger Tor zu laufen. Wir wollten Augenzeugen der politischen Ereignisse sein, die alle Menschen plötzlich so überwältigten, die in der Stadt einen Freudentaumel und entlang der Mauer ein unbeschreibliches Chaos erzeugten.

Unseren drei Kindern hatten wir je 30 DM in die Hand gedrückt. Sie sollten Gelegenheit haben, Ost-Berliner Jugendliche zu Kebab, Coca Cola oder ähnlichem einzuladen.

Vor dem S-Bahnhof Lehrter Straße und an den Bushaltestellen standen Trauben von Menschen, und ein Strom von Fußgängern wälzte sich in Richtung Brandenburger Tor.
Ein Mann, etwa 40 Jahre alt, sprach uns an. Er war sehr aufgeregt, fragte, ob wir West-Berliner seien. Wir bejahten.
„Ich bin ja so durcheinander, es ist einfach verrückt! Zum Brandenburger Tor will ich, einmal von West-Berlin durch das Tor nach Ost-Berlin laufen! Das habe ich mir so viele Jahre gewünscht, aber jetzt trau’ ich mich nicht, ich trau’ mich nicht!“
Er bat uns: „Könnt ihr nicht mit mir gehen?“

Erfreut, daß wir so schnell einen Ost-Berliner kennenlernten, denn auch wir wollten unsere unbekannten Nachbarn einladen, stimmten wir sofort zu und machten uns mit ihm gemeinsam auf den Weg.
Ein neugieriger Austausch über Familie und Beruf ging hin und her. Er sei Beleuchter beim Berliner Ensemble, erzählte der Mann.
Kaum waren wir in Sichtweite des Brandenburger Tores, wurde unser Begleiter sehr nervös: „Bitte, nehmt mich in die Mitte und haltet mich ganz fest! Ich habe ja solche Angst!“
Wir hakten ihn rechts und links unter und redeten ihm beruhigend zu. Auf der Mauer war alles schwarz von Menschen. Vor allem junge Leute feierten dort oben mit Sektflaschen in den Händen. Die Reihen wogten gefährlich hin und her, während immer mehr Menschen heraufgezogen wurden.
Unser Freund riß sich abrupt los: „Ich muß auch da hinauf, ich muß unbedingt hinauf! Aber ihr dürft nicht weggehen, bitte versprecht mir, auf mich zu warten!“ Er zitterte und beruhigte sich erst, als wir versprachen, auf ihn aufzupassen. Nach kurzer Zeit rief er von oben: „Geht nicht weg, geht bloß nicht weg!“
Wir winkten ihm zu. Das Gedränge wurde immer größer. Wir sahen ihn nicht mehr, hatten schon Sorge, ihn verloren zu haben, als er plötzlich neben uns auftauchte.

„Ich war oben! Ich war auf der Mauer!“ jubelte er. „Stellt euch vor, ein Vopo hat mir geholfen, hinaufzukommen. Ich faß’ es nicht, ich faß’ es nicht!“
Tränen standen in seinen Augen, wir umarmten uns. Langsam fiel die Spannung von ihm ab. Auf dem Weg zu seiner Wohnung, wohin wir ihn noch begleiteten, erzählte er uns, daß er einige Tage krank gewesen sei. Sein Fernsehgerät hätte einen Kurzschluß gehabt, daher habe er die Ereignisse der letzten Tage nicht recht mitbekommen. Am Abend des 9. November habe er den Apparat repariert und um ihn auszuprobieren, vorsichtig an die Steckdose angeschlossen.
„Der Fernseher ging an, und auf dem Bildschirm erschien der Schabowski“, meinte lachend unser Freund, „und als der sagte, wir dürften ab sofort in den Westen, da dachte ich, der Fernseher spinnt, nun ist er endgültig kaputt!“


[Göttingen, Harz ; November 1989]

Das Pannenschaf
Renate Grobe

Als die DDR ihre Grenze öffnet, halten wir alle den Atem an. Die ersten Trabis rollen an uns vorbei, wir winken heftig. Euphorie und eine Welle der Hilfsbereitschaft erfassen uns.
Eines Abends, im Novemberregen, steht eine Familie aus Halle vor unserer Tür. Sie hat mit ihrem westdeutschen Gebrauchtwagen eine Panne. Der herbeigerufene ADAC-Stadtpannendienst kann nicht helfen. Ein Ersatzteil müsse her. Wir erreichen den Abend-Notdienst einer Werkstatt und erfahren, daß dieses Teil in Kassel zu bestellen sei. Morgen früh um sieben, eher leider nicht, und abschleppen auch besser morgen früh, dann sei es billiger.

Was nun? Bei diesem Wetter eine Nacht im kalten Auto? In der warmen Küche sitzen wir alle am runden Tisch. Die nassen Haare und Jacken trocknen schnell. Unsere Gäste erzählen von ihrer alten Mühle bei Halle, die sie selbst bewohnbar gemacht haben, von langen Wartezeiten auf Baumaterial, von ihren Hoffnungen, daß nun alles anders und besser werde. Irgendwie schaffen wir es, vier Nachtlager herzurichten.

Am nächsten Morgen kommt ganz früh der Abschleppwagen. Die Reparatur wird sehr teuer, und das Geld reicht nicht. Ich schreibe einen Scheck aus und bekomme sofort den Autoschlüssel. – „So einfach ist das? O danke!“ Sie winken und fahren davon.

Wieder allein, diskutieren wir, ob ich zu leichtsinnig gewesen sei?

Zwei Tage später stehen sie – wie verabredet – vor der Tür, strahlen mich an: alles sei gutgegangen, diesmal ohne Panne. Zwei lange Mettwürste landen auf unserem Küchentisch, es duftet frisch geräuchert. Der Großvater sei Hausschlachter, erfahren wir. Gläser mit Schmalz und Leberwurst werden ausgepackt, Kostproben von Sülze und Kesselfleisch. Wir kochen Kaffee, holen Brötchen und vergessen unser cholesterinarmes Diätprogramm, genießen die Herrlichkeiten.

Sie erzählen von ihren Kindern, von langen Staus auf schlechten Straßen. Vor Weihnachten wollen sie uns noch einmal besuchen. Wir sollen ein Schaf geschenkt bekommen, sie hätten vier, eins sei für uns. Wir brauchten dann nicht mehr soviel Rasen und Wiese zu mähen. Ein Schaf?
O ein Schaf! Ich bin gerührt! Wolle vom eigenen Schaf!


Die innerdeutsche Grenzöffnung hätte uns zu Weihnachten 1989 fast ein Hallenser Schaf beschert.

Ich sehe mich dicke Pullover stricken für Mann und Sohn, Teppiche weben...
„Aber wo bleibt das Schaf nachts und im Winter?“ gibt mein Mann zu bedenken. Im Gartenhaus?
Vier Balkons sind gleich dahinter. Was werden unsere Nachbarn dazu sagen?
Es wird sich einsam fühlen, das Schaf, und nach den drei anderen rufen!
Oder in der Garage, angefüllt mit Heu und Stroh?
Und das Auto in Kälte und Schnee. Es wird morgens nicht anspringen, wenn der Sohn zum Bahnhof muß!
„Ihr könnt einen Stall bauen – wir helfen euch!“
„Ich glaube, es gibt einen Bebauungsplan“, werfe ich vorsichtig ein, „Schafställe sind da nicht vorgesehen!“
Und 200 Kilometer mit einem Schaf im Auto und im Stau?

Es wird nichts mit dem Schaf. Aber die neuen Freunde besuchen uns noch oft, laden uns ein in ihre alte Mühle bei Halle.
Wenn im Dezember der erste Schnee auf der Wiese im Garten liegt, dann wandert durch meine Träume ein Schaf, und aus seinem warmen Stall fällt ein heller Schein in unseren Advent.


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In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 mußten die Menschen in Ost- und West-Berlin fassungslos zusehen, wie zwischen ihnen, quer durch die gesamte Stadt, eine Mauer entstand. Bewachte Baukommandos legten Stacheldrahtrollen aus, rissen das Straßenpflaster auf und begannen mit Steinen und Mörtel eine Mauer zu errichten, bis sie selbst dahinter verschwanden. Damit war in Berlin das letzte Schlupfloch zwischen Ost und West geschlossen. Endgültig war der eiserne Vorhang niedergegangen, 28 Jahre blieb er verschlossen.

Beiträge von Zeitzeugen aus Ost und West vermitteln ein vielschichtiges Bild jener Jahre. Die Texte werden durch Fotos und Dokumente der Autoren bereichert. So enstand ein spannendes und informatives Zeitdokument der jüngeren Geschichte.


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