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Mauer-Passagen |
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[Berlin; 9./10. November 1989] Nun
ist er endgültig kaputt! Das Jahr 1989 bescherte der DDR eine Massenflucht von mehr als 229000 ihrer Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen. Unter dem Druck der anhaltenden Proteste der mit ihrer Regierung unzufriedenen Menschen und der massiven Ausreisewelle wurde Erich Honecker, Generalsekretär der SED, schließlich im Oktober entmachtet. Die in ihrer Reisefreiheit so eingeschränkten Ostdeutschen aber protestierten weiter und zwangen das Politbüro der SED zum Handeln. Am Abend des 9. November 1989 gab Politbüro-Mitglied Günter Schabowski versehentlich zu früh das erst im Entwurf vorliegende neue Reiserecht der DDR, welches den Bürgern mehr unbürokratische Reisefreiheit auch in den Westen zusicherte, über das Fernsehen bekannt. Sofort setzte ein ungeheurer Ansturm von Ost-Berlinern auf die Grenzübergänge ein. Den noch gar nicht instruierten Grenzorganen, der Staatssicherheit und dem Militär gelang es nicht mehr, die Menschenmassen in geordnete Bahnen zu lenken beziehungsweise überhaupt Papiere auszustellen. Sie wurden einfach überrollt. Am Brandenburger Tor, an und auf der Mauer begann ein gigantisches Wiedervereinigungsfest der Ost- und West-Berliner, das in den friedlichen Fall der Mauer mündete. Am Abend des 10. November beschlossen mein Mann und ich, vom Lehrter Bahnhof aus zum Brandenburger Tor zu laufen. Wir wollten Augenzeugen der politischen Ereignisse sein, die alle Menschen plötzlich so überwältigten, die in der Stadt einen Freudentaumel und entlang der Mauer ein unbeschreibliches Chaos erzeugten. Unseren drei Kindern hatten wir je 30 DM in die Hand gedrückt. Sie sollten Gelegenheit haben, Ost-Berliner Jugendliche zu Kebab, Coca Cola oder ähnlichem einzuladen. Vor dem S-Bahnhof
Lehrter Straße und an den Bushaltestellen standen Trauben von Menschen,
und ein Strom von Fußgängern wälzte sich in Richtung Brandenburger
Tor. Erfreut,
daß wir so schnell einen Ost-Berliner kennenlernten, denn auch wir
wollten unsere unbekannten Nachbarn einladen, stimmten wir sofort zu und
machten uns mit ihm gemeinsam auf den Weg. Ich
war oben! Ich war auf der Mauer! jubelte er. Stellt euch vor,
ein Vopo hat mir geholfen, hinaufzukommen. Ich faß es nicht,
ich faß es nicht! [Göttingen, Harz ; November 1989] Das Pannenschaf Als die DDR
ihre Grenze öffnet, halten wir alle den Atem an. Die ersten Trabis
rollen an uns vorbei, wir winken heftig. Euphorie und eine Welle der Hilfsbereitschaft
erfassen uns. Was nun? Bei diesem Wetter eine Nacht im kalten Auto? In der warmen Küche sitzen wir alle am runden Tisch. Die nassen Haare und Jacken trocknen schnell. Unsere Gäste erzählen von ihrer alten Mühle bei Halle, die sie selbst bewohnbar gemacht haben, von langen Wartezeiten auf Baumaterial, von ihren Hoffnungen, daß nun alles anders und besser werde. Irgendwie schaffen wir es, vier Nachtlager herzurichten. Am nächsten Morgen kommt ganz früh der Abschleppwagen. Die Reparatur wird sehr teuer, und das Geld reicht nicht. Ich schreibe einen Scheck aus und bekomme sofort den Autoschlüssel. So einfach ist das? O danke! Sie winken und fahren davon. Wieder allein, diskutieren wir, ob ich zu leichtsinnig gewesen sei? Zwei Tage später stehen sie wie verabredet vor der Tür, strahlen mich an: alles sei gutgegangen, diesmal ohne Panne. Zwei lange Mettwürste landen auf unserem Küchentisch, es duftet frisch geräuchert. Der Großvater sei Hausschlachter, erfahren wir. Gläser mit Schmalz und Leberwurst werden ausgepackt, Kostproben von Sülze und Kesselfleisch. Wir kochen Kaffee, holen Brötchen und vergessen unser cholesterinarmes Diätprogramm, genießen die Herrlichkeiten. Sie erzählen
von ihren Kindern, von langen Staus auf schlechten Straßen. Vor
Weihnachten wollen sie uns noch einmal besuchen. Wir sollen ein Schaf
geschenkt bekommen, sie hätten vier, eins sei für uns. Wir brauchten
dann nicht mehr soviel Rasen und Wiese zu mähen. Ein Schaf?
Ich sehe
mich dicke Pullover stricken für Mann und Sohn, Teppiche weben...
Es wird nichts
mit dem Schaf. Aber die neuen Freunde besuchen uns noch oft, laden uns
ein in ihre alte Mühle bei Halle. zum Buch In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 mußten die Menschen in Ost- und West-Berlin fassungslos zusehen, wie zwischen ihnen, quer durch die gesamte Stadt, eine Mauer entstand. Bewachte Baukommandos legten Stacheldrahtrollen aus, rissen das Straßenpflaster auf und begannen mit Steinen und Mörtel eine Mauer zu errichten, bis sie selbst dahinter verschwanden. Damit war in Berlin das letzte Schlupfloch zwischen Ost und West geschlossen. Endgültig war der eiserne Vorhang niedergegangen, 28 Jahre blieb er verschlossen. Beiträge
von Zeitzeugen aus Ost und West vermitteln ein vielschichtiges Bild jener
Jahre. Die Texte werden durch Fotos und Dokumente der Autoren bereichert.
So enstand ein spannendes und informatives Zeitdokument der jüngeren
Geschichte. |
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