Berlin
1932/1933
Klaus
Brockerhoff
Auf dem Weg ins Dritte Reich (gekürzte Fassung)
Als das
Dritte Reich begann, war ich zehn Jahre und eine Woche alt. Ich habe den
Fackelzug am 30. Januar 1933 gesehen. Es war ein Montag.
Am Abend des 27. Februar 1933 brannte der Reichstag.
Ich hörte die Feuerwehr durch die Kantstraße in Berlin-Charlottenburg
in Richtung Stadtmitte fahren, stieg aus meinem Bett und sah aus dem Fenster.
Der Löschzug kam wahrscheinlich von der Feuerwache Suarezstraße.
Der Himmel sah rot aus. Meine Mutter schickte mich wieder ins Bett.
Ich glaube, es ist ein Großbrand, sagte sie und es
ist auch schon spät. Du mußt morgen zur Schule.
Ich beschloß morgen Dienstag festzustellen, was das
für ein Großbrand war. Dann erfuhr ich, daß der Reichstag
gebrannt hatte. Das mußte ich mir ansehen. Die Hinfahrt bewältigte
ich mit der Elektrischen für 15 Pfennige Schülerfahrschein.

Die Ruine
sah schlimm aus. Es roch noch brandig, das Areal war abgesperrt, Polizei
patrouillierte, viele Menschen betrachteten das zerstörte Gebäude,
und ich schnappte Gesprächsfetzen auf. Die Berliner diskutierten
laut und kopfschüttelnd das Ereignis.
Bin ma jespannt, wat da rauskommt oder Sowat jibst doch
jar nich, einfach den Reichstag anzustecken, wenn det der olle Wallot
wüßte oder Da stimmt wat nich, wartet mal ab, da
is der Wurm drin. Irjendwo.
Ich pilgerte
wieder nach Hause. Zu Fuß. Fast sieben Kilometer. Unterwegs überlegte
ich mir so einiges: Von dem ollen Wallot hatte ich schon gehört.
Er war der Baumeister des Reichstages, dessen Grundstein 1884 gelegt wurde.
Den Reichstag einfach anzuzünden, empfand auch ich als Unverschämtheit.
Aber warum da was nicht stimmen sollte und weshalb da der Wurm drin sein
könnte, das wußte ich nicht.
Die Vorgeschichte:
Ich ging seit Ostern 1929 in die Schule. Ich war für mein Alter außerordentlich
neugierig, interessiert an allem, was um mich herum vorging. Und: Ich
war und bin ein guter Beobachter!
Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie. Mein Vater war Bankbeamter.
Heute würde man Bankkaufmann sagen. Er arbeitete in der Effektenabteilung
der Berliner Discontogesellschaft. Wir bewohnten eine 4-Zimmer-Wohnung
in der vierten Etage in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg.
Meine Mutter hatte eine Aufwartefrau, die aus Pommern stammte und dreimal
in der Woche kam.
Im Herrenzimmer standen vier Bücherschränke, ein großer
mit Papieren beladener Schreibtisch, mehrere sehr bequeme Sessel und ein
Rauchtisch. Es war das Reich meines Vaters. Er war Vorstandsmitglied im
Verein für die Geschichte Berlins. Er war ein sehr belesener,
bibliophiler, künstlerisch begabter und disziplinierter Mann und
hat maßgeblich zur Erforschung der Geschichte Berlins, insbesondere
des Berliner Humors, beigetragen.
Vater hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen, vom Anfang bis zum Schluß.
Er war Gardeoffizier der Reserve. Ein Bild von Kaiser Wilhelm II. hing
in seinem Zimmer an der Wand. Es zeigte ihn in der Felduniform. Mein Vater
verehrte ihn sehr.
Wir hatten
häufig Besuch. Mehrfach kamen Kriegskameraden meines Vaters. Man
saß im Herrenzimmer, es wurde diskutiert. Vater erzählte, daß
in der Bank enorm abgebaut würde. Er selbst habe eine
erhebliche Gehaltskürzung hinnehmen müssen. Meine Mutter sprach
von der Suppenküche für die Armenspeisung, die das Bezirksamt
Charlottenburg in der Pestalozzistraße eingerichtet hatte. Ich hörte
Begriffe wie: Marxismus, Demokratie, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit,
Kriegsgewinnler und ähnliches. Namen wurden genannt: Brüning,
Stresemann, der ehemalige Außenminister, Hindenburg und immer wieder
Hindenburg der Ersatzkaiser, die Vaterfigur. Ich hatte
ihn gesehen, als im Februar 1928 Amanullah, der König von Afghanistan,
als erster ausländischer Staatsmann nach dem Krieg Deutschland besuchte.
Vater hatte mich mitgeschleppt, als der König und Hindenburg
ins Reichspräsidentenpalais in die Wilhelmstraße fuhren. Ich
konnte den pompösen Monarchen beim Aussteigen bewundern. Neben ihm
im schwarzen Mantel und Zylinder der Reichspräsident.
Wat
isn det, n Sandwichmann? wollte ich von meinem Vater
wissen. Meine Mutter hatte das Wort kürzlich gebraucht. Drüben,
bei der Suppenküche, standen eines Tages im Jahre 1932 plötzlich
etliche Männer, zum Teil gut angezogen. Sie trugen Schilder auf dem
Rücken und auf der Brust. Nehme jede Arbeit an, stand
darauf. Vater erklärte es mir. Nächsten Sonntag wird gewählt,
vielleicht bessert sich ja was, fuhr er fort.
Schon wieder?
Ich hatte mehrfach Wahlen erlebt und war immer brav mit meinen Eltern
zum Wahllokal am Stuttgarter Platz marschiert. Da stand meist ein Haufen
Leute herum, auch SA, Sipos, Mitglieder der Rotfront,
vom Stahlhelm oder vom Reichsbanner es
herrschte immer gespannte Aufmerksamkeit, und die Polizei sollte Schlägereien
und Schlimmeres verhindern. Auch Sandwichmänner hatte ich dort gesehen
und eine Harfenjule von der Heilsarmee. Sie war unbestimmbaren
Alters, bei jeder Wahl dabei bis das Wahllokal geschlossen wurde.
Auf ihrem Wimmerholz (Gitarre) spielte sie fromme Lieder,
manchmal sang sie auch dazu.
Zu Weihnachten
hatte ich einen Roller bekommen keinen Tretroller, die waren zu
teuer sondern einen einfachen. Marke: Naether. Ich
rollerte rund ums Karree Kantstraße, Wilmersdorfer Straße,
Stuttgarter Platz, Kaiser-Friedrich-Straße, Kantstraße. An
jeder Straßenecke standen Zettelverteiler mit den Parolen der verschiedenen
Parteien, die auch Papierfähnchen verschenkten. Ich nahm sie alle
mit: Schwarz-Rot-Gold, Schwarz-Weiß-Rot, Rot mit Hammer und Sichel,
Hakenkreuzfähnchen und den Sozi-Wimpel drei nach
links unten gerichtete Pfeile. Außerdem zwei Reklamefähnchen
der Firmen Kaisers Kaffeegeschäft und Josetti:
Aus gutem Grund ist Juno rund. Also alles, was man wollte.
Die Fähnchen flatterten fröhlich, mit Gummibändern befestigt,
an meinem Lenker.
Kannste det übahaupt lesen? fragte ein Zettelverteiler.
Klar, ick bin ja nich doof, erklärte ich herablassend
und stopfte sein Pamphlet zu den übrigen in die Gesäßtasche
meiner kurzen Hose.
Meine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich
nach Hause kam. Ich mußte die Fähnchen abmontieren und durfte
einige in die Balkonkästen stecken. Aber nicht alle. Die Zettel wurden
für meinen Vater aufgehoben. Was sollen bloß die Leute
denken? meinte sie, und bring bitte nächstes Mal keine
Fähnchen mehr mit!
Was die Leute dachten, war mir absolut piepe.
Mein Vater
las abends die Zettel und erklärte mir so einiges. Eine Hindenburg-Wahl
stand bevor. Seine Amtszeit lief ab. Die Nazis hatten enorme Stimmengewinne
erzielt, überall im Land. In Bremen und Braunschweig gab es seit
1931 schon nationalsozialistische Regierungen. Brüning wackelte.
Fast sieben Millionen Arbeitslose.
Viele Parolen konnte man auf den Zetteln lesen, die ich mit nach Hause
gebracht hatte. Außerdem waren Karikaturen darauf gezeichnet, von
Bonzen mit Ballonmützen, die man hinwegfegte, gequälten Menschen,
die mit Stacheldraht gefesselt waren, einem Ertrinkendem, dem ein Rettungsring
zuflog, auf dem HINDENBURG stand, und dabei war auch eine gegen Brüning:
Haut dem Brüning auf die Glatze, daß die Notverordnung
platze!
Da hatte ich es! Schwarz auf Weiß! Nicht nur an der Litfaßsäule!
Ich war richtig stolz auf mich.
Proletarier aller Länder vereinigt Euch, wählt Rotfront-Kommunisten!
Das war der letzte Zettel.
Es war schon
eine Menge, was mein Vater erklären mußte, und ich war ein
wißbegieriger Zuhörer. Während er noch dabei war, kurz
nach dem Abendbrot, marschierten die Kommunisten durch die Kantstraße.
Erst kam eine Schalmeienkapelle, dann Frauen mit Kinderwagen, dann die
Werktätigen mit geballter Faust, viele Jugendliche, aber alles etwas
durcheinander und auseinandergezogen. Es war mehr eine Art Demonstrationszug.
Die Polente und zwei Überfallkommandos schirmten
den Zug ab. Dann sangen sie: Völker, hört die Signale!
Auf, zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!
Denkste! schrien die Berliner am Straßenrand zurück.
Die Überlandzentrale versorgt die Stadt mit Licht.
Die Elektrische mußte halten, weil der Zug die Schienen
blockierte. Die Sipos versuchten, den Verkehr zu regeln, es gelang nur
mühsam. Die Unordnung war zu groß. Ich stand auf dem Balkon
und beobachtete alles. Vor mir, in den Balkonkästen, steckten die
genehmigten Fähnchen. Mein Vater schüttelte den Kopf, und wir
gingen ins Herrenzimmer zurück. Und wat passiert nu?
fragte ich. Wen wählste?
Das weiß ich noch nicht, wir brauchen dringend wieder Zucht
und Ordnung, die Wirtschaft bricht zusammen, die Reparationen fressen
uns auf, wir haben den Krieg und unsere Ehre verloren.
Während ich noch darüber nachsann und mit der Antwort unzufrieden
war, da sie mir zu allgemein war, hörten wir einen Spielmannszug
der SA und den Marschschritt der Kolonnen. Vorneweg der Standartenführer,
dahinter der Träger der Standarte, flankiert von zwei Sturmführern.
In das Tuch war mit Goldbuchstaben eingestickt: Deutschland erwache!
Der Spielmannszug hatte aufgehört zu spielen. Fast 600 Mann marschierten
schweigend, zackig, diszipliniert auf der rechten Straßenseite,
so daß der Verkehr wieder fließen konnte. Die Elektrische
fuhr an, jetzt waren die Schienen frei. Und plötzlich skandierten
600 Kehlen: Aus dem Feuer der rettenden Rache erschallt unser Kampfruf:
Deutschland erwache! Deutschland erwache! Deutschland erwache!
Alles genau im Takt und im Gleichschritt.
Deutschland erwache!
Es ging unter die Haut. Dann setzte wieder der Spielmannszug ein. Danach
wurde gesungen: Als die goldene Abendsonne sandte ihren letzten
Schein, zog ein Regiment von Hitler in ein kleines Städtchen ein.
Anschließend kam: Volk ans Gewehr! Und: Die Glocken
stürmten vom Bernwardsturm, der Regen durchrauschte die Straßen
(ein Traditionslied der Nazis). Und jetzt wieder: Deutschland erwache!
Die ersten Berliner begannen zögernd zu klatschen es wurden
mehr, viele Fenster öffneten sich an diesem Abend im Frühjahr
1932. Beifall brandete auf, Bravorufe, Heilrufe. Deutschland in der Kantstraße
war endlich aufgewacht. Unten marschierten die Muntermacher, und ich stand
auf dem Balkon und starrte hinunter. Offenen Mundes.
Machn Mund zu, hier fliegen keine gebratenen Tauben, morgen
haste wieder dicke Mandeln!
Das war meine Mutter.
Es kam häufig vor, daß Kommunisten, Sozis oder Reichsbanner
durch die Straßen marschierten und kurz darauf die Nazis oder der
Stahlhelm. Oft genug entwickelten sich dann die gefürchteten Straßenschlachten,
bei denen es fast immer Verletzte und auch Tote gab. Aber diesmal ging
alles gut. Warum, weiß ich nicht, denn der Kontrast konnte augenfälliger
nicht sein: Hier der undisziplinierte Haufen der Kommunisten
dort die sich als Ordnungsmacht verstehenden Nationalsozialisten.
Wir brauchen wieder Zucht und Ordnung, hatte Vater gesagt.
Langsam begann ich zu verstehen.
Meine Mutter
war zum Kaffee eingeladen, ich durfte mit. Zu Tante Heinzchen. Sie war
Klavierlehrerin und hatte trotz der schlechten Zeiten viele Schüler
Kinder reicher Eltern. Sie wohnte in der Nähe der Kleiststraße,
nicht weit vom Nollendorfplatz. Fliegende Gewänder wurden von ihr
bevorzugt, weite Kleider, lange Mäntel. Eine Pagenfrisur zierte ihren
schönen Kopf. Sie war von rührender Anhänglichkeit, immer
freundlich, hatte ständig Liebeskummer und konnte so bezaubernd Klavier
spielen, daß ich selbstvergessen zuhörte. Und das wollte was
heißen.
Also fuhren wir hin. Am Nollendorfplatz war was los. Ein großer
Menschenauflauf, SA-Leute, Polizei. Mutter zog mich weiter, aber ich wollte
nicht. In dem Gedrängel ließ ich den Blumenstrauß fallen
und hob ihn wieder auf.
Lassen Se den Kleenen doch, sagte jemand. Stell dir
mal uf det Podest, denn kannste besser sehn!
Ein Berliner hob mich hoch und stellte mich drauf.
Mutter fügte sich ins Unvermeidliche. Und dann hörte ich eine
prägnante Stimme, die bildhaft, treffend und sarkastisch die Regierung
abhalfterte und an die geistigen Güter der Nation appellierte. Der
Mann, dem sie gehörte, trug eine Lederjacke, er war klein, dunkelhaarig
und stand in einem offenen Mercedes. Er sprach frei und ohne Mikrofon.
SS-Leute mit schwarzen Mützen, die ich vorher noch nie gesehen hatte,
umringten ihn. Es war Dr. Joseph Goebbels, der Gauleiter von Berlin. Dort
sah und hörte ich ihn zum ersten Male.
Wir kamen
natürlich zu spät zu Tante Heinzchen, aber sie war darüber
nicht böse. Mein Gott, was soll bloß werden? Ich bin
ja so unpolitisch, klagte sie.
Wen wählt ihr denn? fragte sie dann.
Stell erst mal die Blumen in die Vase, Klaus hat sie in dem Gedrängel
fallenlassen, weil er unbedingt den Goebbels hören mußte.
Ach ja, er ist ja heute am Nollendorfplatz, morgen soll er im Sportpalast
sprechen. Ich bin manchmal ganz durcheinander.
Wir wissen auch noch nicht, wen wir wählen, aber Hindenburg
muß erstmal bleiben, sagte Mutter.
Aber der ist doch steinalt, was passiert, wenn er morgen tot umfällt?
Aber er soll ja den Professor Sauerbruch haben, der muß eben auf
ihn aufpassen, beruhigte Tante Heinzchen sich wieder.
Dann tranken wir Kaffee, aßen Streusel- und Kranzkuchen, und anschließend
spielte Tante Heinzchen endlich Klavier. Ich war hingerissen. Bevor wir
gingen, lud sie Mutter zu einem Konzert ein, das sie in zwei Monaten mit
ihren Schülern im UNIVERSUM am Lehniner Platz geben wollte.
Auf der Rückfahrt
in der Straßenbahn fragte ich: Wo is Gertrud eigentlich geblieben?
Kommt se nich mehr?
Gertrud war die Aufwartefrau. Nein, sie hat eine andere Stelle,
wir können sie nicht mehr bezahlen.
Und dann rechnete Mutter vor: Dreimal in der Woche pro Tag drei
Mark plus Mittagessen, das sind mehr als 36 Mark im Monat. Wir können
es uns nicht leisten.
Ich war baff.
Jeder muß sich einschränken, aber uns geht es verhältnismäßig
gut. Vater ist noch bei der Bank, aber ob das so bleibt, wissen wir nicht.
Als wir ausstiegen, war ich ziemlich still und sah zu Hause sofort nach,
ob meine 4,50 Mark Taschengeld, die ich im Laufe eines Jahres angespart
hatte, noch in der Kassette waren. Ich brachte sie Mutter.
Brauchste Jeld?
Ich streckte ihr die Kassette entgegen. Ich meinte es ganz ernst. Mutter
war zu Tränen gerührt und nahm mich in die Arme. Mir wurde wieder
besser, es schien ja doch nicht ganz so schlimm zu sein.
Die Hindenburg-Wahl
am Sonntag brachte kein eindeutiges Ergebnis. Die Harfenjule
sang noch schlimmer als sonst, und die Stimmung war sehr gereizt. Wir
gingen auch nicht mehr spazieren, sondern gleich nach Hause. Es stellte
sich heraus, daß ein zweiter Wahlgang erforderlich wurde.
Jetzt erst begriff ich, daß Hitler gegen Hindenburg angetreten war
und keine absolute Mehrheit erhalten hatte. Er startete zu einem Deutschlandflug,
um Stimmen zu sammeln. Die Berliner Illustrirte Zeitung zeigte
ihn ich glaube auf dem Titelblatt vor einem Junkers Flugzeug.
Überall
gab es Kundgebungen. Mutter wollte mich in dieser Zeit einmal zur Schule
bringen weil wieder soviel los ist. Am Bahnhof Charlottenburg
kamen wir nicht weiter. Mutter war ganz verzweifelt. Da kam ein Berliner
Taxenschofför auf uns zu. Er sah so aus, wie Schimanskis
Vater ihn gespielt haben würde: Lederweste, Ledermütze, eine
Art Zimmermannshose, rotes Halstuch, rote Nelke im Knopfloch, verschwitzt,
Schnurbart, leicht angesäuselt, gutmütig und treuherzig.
Können Sie uns zur Sybelschule fahren bitte, wir kommen
nicht durch!
Lassen se man jut sin, junge Frau, jehn se ruhig nach Hause, den
Kleenen fahr ick umsonst hin, er soll ja mal dafür sorjen, det et
uns später besser jeht!
Auch diese Worte werde ich nie vergessen.
Die Taxe war ein uralter Protos, mit Kulissenschaltung außen.
Auf dem Dach ein Gepäckträger, keine Kurbelfenster, sondern
Fenster, die mit Lederriemen festzustellen waren. Überhaupt war innen
alles aus Leder. Ich versank fast in dem Rücksitz. Der Chauffeur
kurbelte das Ding an, und wir fuhren los durch die Menge, die uns Platz
machte. Nach zehn Minuten waren wir da. Lerne wat, Kleener,
sagte er und gab mir seine Nelke. Für Deene Mutter.
Es war ein Schlüsselerlebnis. Die Nelke wurde im Sommer 1943 ausgebombt.
Wir auch.
Ich erinnere
mich noch an das Ergebnis des zweiten Wahlganges, das Hindenburg fast
20 Millionen Stimmen bescherte. Gut 13 Millionen hatte Hitler. Mein Vater
versuchte, es mir zu erklären, aber mit den Millionen kam ich nicht
klar. Im Rechnen war ich keine Leuchte. Jedenfalls Hindenburg blieb. Und
er lebte noch! Er war nicht tot umgefallen! Tante Heinzchen konnte sich
wieder entspannen.
Brüning verbot die SA und die SS, nicht aber die Linken. Und dann
hatte man ihm tatsächlich auf die Glatze gehauen, er wurde entlassen.
Ihm folgte von Papen. Die Nazis durften wieder marschieren. Das alles
passierte1932. Dann fand im Juli auch noch eine Reichstagswahl statt,
und Göring wurde Reichstagspräsident. Wir hatten, das
habe ich nochmals nachgeschlagen, von 1918 bis 1932 = 23 Regierungen!
Ich verlor jetzt den Überblick.
Etwa Mitte
Januar 1933 erzielte die NSDAP in Lippe einen großen Wahlerfolg.
Von Papen war jetzt auch Reichskommissar für Preußen. Er hatte
den Vipoprä, Vizepolizeipräsident Isidor Weiß,
absetzen lassen, außerdem den Kommandeur der Schutzpolizei. Seit
Dezember war General von Schleicher Reichskanzler. Die Reichswehr hatte
die Verhaftung der Polizeioberen vorgenommen. Über all das wurde
ständig diskutiert. Keiner wußte, was kommen würde, viele
ja die meisten hofften auf Hitler.
Ich jedoch
hoffte auf meinen 10. Geburtstag am 23. Januar. Der kam mit Sicherheit.
Es gab auch eine Kindergesellschaft mit Kakao, Kuchen, Kartoffelsalat
mit Würstchen und Brause. Meine Freunde Wölfchen, Ralph, Kurti,
Fedor, Hotte, Kutte, Harry und noch vier andere Jungen waren eingeladen
und kamen auch. Ich hatte mir eine Karte für die Berliner SCALA,
das internationale Varieté in der Martin-Luther-Straße, gewünscht.
Für die Nachmittagsvorstellung. Das verkündete ich lauthals
überall. Ich wollte auch warten, bis es was Besonderes gab. Die Drei
Codonas zum Beispiel, oder Rastelli, den Jongleur. Vielleicht auch
Charly Rivel mit Akrobat schöööön. Und
dann mußte ich unbedingt Otto Stenzel sehen, den Kapellmeister des
SCALA Orchesters, das er, auf den Rücken eines Elefanten sitzend
und mit einem Tropenhelm auf dem Kopf, oben von der Bühne aus dirigierte.
So wurde erzählt.
Son Quatsch, sagte Fedor, bei die Affenhitze in
de SCALA ooch noch n Tropenhelm uffm Kopp!
Na ja, deshalb doch, krähte Wölfchen, wot
heeß is, setzt man son Tropenhelm uff, ick wer ooch bald enen
haben!
Natürlich Wölfchen, sagte Mutter, wir schenken
dir zum Geburtstag einen Tropenhelm.
Da bin ick jarnich mehr da im Juni, da bin ick schon weg!
Und wo bist du da?
In Palästina! schrie er und hüpfte so herum, daß
seine Eulenbrille verrutschte.
Und warum?
Wir ham verkooft und lösen uff!
Meine Mutter war perplex, wir auch: Aber vorher besuchst du uns
doch noch einmal?
Klar, wir jeben ne Abschiedsvorstellung, jeder kriejt zwee
Pfund Datteln jratis!
Dann spielten wir Die Reise nach Jerusalem. Es paßte
irgendwie. Ralph mit seinem Lockenkopf stand neben mir und sagte plötzlich:
Wir hauen ooch ab, unsere Jeschäfte übernimmt ne
Textilfabrik eener von die wollte sich dicke tun, dem ham
wa abjesagt, aber die andern sind in Ordnung, die kriejen allet.
Wo geht ihr denn hin?
Amerika oder Kanada, ick weeß nich so jenau, da ham wa Verwandte.
Und wann?
Na, im April, wenn de Schule aus is.
Nach den
vier Volksschuljahren wollten die meisten von uns aufs Gymnasium oder
die Hohe Schule, wie es damals hieß.
Zur Abschlußfeier in der Volksschule konnte Wölfchen keine
Abschiedsvorstellung mehr geben, weil er sofort mit seinen Eltern abreisen
würde. Ihr Ziel war Jaffa in Palästina. Wölfchen hat später
eine Karte geschrieben, darauf versprach er, daß er uns die Jratisdatteln
bei seinem nächsten Besuch mitbringen würde, die seines Vaters
der war Fruchtimporteur wären eben doch die besten,
sie kämen aus Mesepetunien. Von einem Tropenhelm schrieb
er nichts. Er ist glücklicherweise nie auf Urlaub gekommen.
Die Abschlußfeier war schlicht. Der neue Rektor, den wir seit zwei
Jahren hatten, sprach uns vor allem Mut zu und wünschte uns Glück.
Dann wurden einige Lieder gesungen, zum Schluß das Deutschlandlied
alle Strophen. Die Abgangszeugnisse wurden ausgehändigt, alle
Noten waren so ausgefallen, wie unsere Klassenlehrerin Frau Rissom sie
angekündigt hatte. Der Rektor hatte in steifer Sütterlinschrift
unterschrieben. Frau Rissom gab jedem von uns die Hand, sie war sichtlich
bewegt. Werdet gute Menschen, versprecht mir das, waren ihre
Abschiedsworte an uns. Dann gingen wir auseinander, in die Osterferien
und in eine neue Zeit ...
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