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Aus
Zeitgut Band 13
Heil
Hitler, Herr Lehrer!
Kindheit in Deutschland 1933-1939
[Ortelsburg),
Masuren, Ostpreußen;1937]
Muttertag
Hildegard Strauß
Jeden Morgen
gehe ich auf meinem Schulweg an dem großen Modegeschäft mit
den schönen Kleidern und Mänteln vorbei. Seit Wochen liegt ganz
vorne im Schaufenster ein wunderschöner blauer Chiffonschal mit weißen
Tupfen. Es muß der gleiche sein, den Olga Tschechowa - sie war damals
eine große Filmschauspielerin - in ihrem letzten Film trug.
In fünf Wochen ist Muttertag. Mutter ist sehr krank und kann nicht
mehr aufstehen, aber mit ihren schönen schwarzen Haaren und den großen
blauen Augen würde sie mit diesem Schal wunderschön aussehen,
wie Olga Tschechowa!
Ich bin zehn Jahre alt. Günter, mein älterer Bruder, hat sicher
schon ein tolles Geschenk. Im Gegensatz zu mir spart er immer fleißig.
Doch auf diesen Schal ist er bestimmt nicht gekommen. Mein Geschenk würde
ganz bestimmt das schönste sein.
1,80 RM kostet der Schal. Mein Taschengeld beträgt 20 Pfennig pro
Woche. Das ergibt in den fünf Wochen bis zum Muttertag eine Mark.
40 Pfennig habe ich noch. Dann fehlen mir immer noch 40 Pfennig.
Jeden Morgen auf dem Schulweg werfe ich einen Blick ins Schaufenster.
Ob er noch da ist?
Nur noch eine Woche, dann ist Muttertag, und mir fehlen immer noch 40
Pfennig! Wenigstens Blumen brauche ich nicht zu kaufen, die Tränenden
Herzen und der Goldlack blühen schon im Garten. Wie komme ich nur
zu den 40 Pfennigen?
Ich könnte natürlich eine Eins im Diktat schreiben, dann bekäme
ich vielleicht 10 Pfennig, aber auch nur vielleicht! Eigentlich ist die
Anstrengung viel zu groß für 10 Pfennig! Aber ich könnte
die Briefe für unseren Hausbesitzer zur Post bringen. Manchmal gibt
er mir 10 Pfennig dafür, aber auch nur manchmal!
Nur noch zwei Tage bis zum Muttertag. Der Schal liegt nach wie vor im
Schaufenster und mir fehlen die 40 Pfennig immer noch. In meinem Nachttisch
müßten eigentlich noch 20 Pfennig liegen, die ich als Schmerzensgeld
für meine Halsschmerzen bekommen habe. Ich muß gleich mal nachsehen.
Es ist der letzte Tag vor Muttertag. Ich stehe vor dem Schaufenster. Meine
Hand ist feucht und ganz fest um das kleine Portemonnaie gepreßt.
Darin sind 1,60 RM.
Ich nehme all meinen Mut zusammen und gehe in den Laden hinein. "Ich
hätte gerne den blauen Schal mit den weißen Punkten, aber ich
habe nur 1,60 RM. Könnte ich den Rest abzahlen?" frage ich forsch.
Die Blicke, die zwischen den beiden Verkäufern hin- und hergehen,
lassen mich schon viel weniger forsch dastehen. "Ich brauche ihn
ganz dringend", sage ich nun schon viel bescheidener. Mein Herz klopft
bis zum Hals. Wenn sie nun nein sagen? Was mache ich dann?
"Wann würdest du denn den Rest bezahlen?" fragt der eine
Verkäufer. "In der nächsten Woche könnte ich den Rest
von meinem Taschengeld bezahlen, ich bekomme 20 Pfennig pro Woche",
antworte ich schnell und schon wieder viel lauter.
Der Verkäufer packt sehr langsam den Schal ein, sieht mich ernst
an und sagt: "Dann bis zur nächsten Woche."
"Ja", sage ich und sehe ihn genauso ernst an und verspreche:
"Bis zur nächsten Woche."
Auf dem Nachhauseweg presse ich das kleine Päckchen ganz fest an
mich, als ob es der kostbarste Schatz der Welt wäre. Was wird Mutter
wohl dazu sagen?
Es ist soweit. Muttertag. Günter steht schon vor der Schlafzimmertür,
als ich mit meinem kleinen Päckchen ankomme. Wir dürfen immer
erst zu Mutter, wenn sie von der Krankenschwester gewaschen und gekämmt
worden ist. Günter hat einen großen verpackten Gegenstand vor
sich zu stehen. Was mag da wohl drin sein?
Ich halte mein kleines Päckchen mit dem Schal auf dem Rücken
versteckt. "Was hast du denn?" frage ich ihn neugierig. "Pack'
es doch mal aus, Mutter kann es in ihrem Bett sowieso nicht."
Sein triumphierender Blick läßt nichts Gutes ahnen, als er
ganz langsam den Packbogen löst. Ich traue meinen Augen nicht! Ein
kleiner Tisch, ein Tisch, den man auf das Bett stellen konnte, damit Mutter
bequem essen kann. Genau das, was Mutter braucht!
Und ich habe einen sinnlosen, lächerlichen Schal, den sie nie umbinden
wird! Die Tränen laufen mir über die dicken Wangen. Dieser Günter!
"Das ist gemein", schreie ich und bin gerade dabei, voller Wut
meine kleinen Fäuste in seine Seite zu schieben, als Mutter "Herein!"
ruft. Ich drängele mich nicht vor, ich muß erst meine Tränen
abwischen, es ist sowieso alles egal. Was ist schon mein Schal gegen seinen
Frühstückstisch?
Mutter sieht schön aus wie immer. Wir stehen an ihrem Bett, Günter
stellt seinen Tisch darauf und sagt in seiner korrekten Art: "Ich
gratuliere dir zum Muttertag."
Mutter streicht mit ihrer kranken Hand über den Tisch. "Der
ist schön, nun kann ich endlich bequem essen, ich danke dir."
Ich bin todunglücklich. Wie konnte ich nur auf die Idee mit dem Schal
kommen? Vielleicht sollte ich ihn fallen lassen und nur die Tränenden
Herzen schenken? Der Günter ist so gemein ...
Nun bin ich dran. Ich lege mein kleines Päckchen auf Mutters Bett
und sage: "Liebe Mutti, ich wünsche mir ... nein, ich wünsche
dir, daß du bald wieder gesund wirst."
Mein Herz klopft, als sie ganz langsam das Päckchen auspackt. Sie
breitet den Schal aus, hebt leicht ihren Kopf und legt ihn um. "Hol
mir bitte einen Spiegel", sagt sie.
Ich halte ihr den Spiegel hin, sie zupft hier und da und freut sich: "Ist
der schön! Ich habe noch nie einen so schönen Schal besessen.
Den werde ich niemals wieder ablegen."
Ich sitze vor ihrem Bett, den Tisch sehe ich nicht mehr. Mutter sieht
so schön mit dem Schal aus - wie Olga Tschechowa! Ich bin glücklich.
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